Mit Achtsamkeit gegen Limiting Beliefs

Wir alle haben sie: Limiting Beliefs – negative Glaubenssätze, die uns einschränken. Wir übernehmen sie aus gesellschaftlichen Erwartungen und pressen uns dabei in eine Rolle, die uns nicht entspricht: zum Beispiel in die des bescheidenen Mädchens oder der aufopferungsvollen Mutter. Lassen Eltern ihre eigenen Limiting Beliefs unhinterfragt, geben sie diese an ihre Kinder weiter. Nicole Morales, Gründerin von Achtsames Abenteuer, gibt in diesem Gastbeitrag Tipps, wie Achtsamkeit in der Familie Kindern dabei helfen kann, sich frei und selbstbewusst zu entwickeln.

Wir sehen sie nicht – und doch sind sie da: Limiting Beliefs. Diese negativen Glaubenssätze leben in unseren Köpfen. Sie steuern unsere Gedanken und unser Handeln. Leise flüstern sie uns in schwachen Momenten zu: «Das kannst du eh nicht» oder «Du bist nicht gut». Und wir? Wir glauben ihnen – und machen uns klein.

Wie kommen Limiting Beliefs in unsere Köpfe?

Zwar ist es einfach, die Schuld bei anderen zu suchen. Doch in Bezug auf Limiting Beliefs dürfen wir das – zumindest teilweise. Denn Limiting Beliefs wohnen nicht von Geburt an in unseren Köpfen. Die Tür hat ihnen vielmehr unsere Gesellschaft mit ihren stillschweigend vereinbarten Idealen und Rollenbildern aufgeschlossen. «Mädchen müssen bescheiden sein» war zum Beispiel ein über lange Zeit tradiertes Rollenbild. Wer dem nicht entsprach, wurde ermahnt oder sogar bestraft.

Unsere Gesellschaft hat diesbezüglich zwar eine Kehrtwende gemacht. Heute sollen Mädchen stark, selbstbewusst und durchsetzungsfähig sein. «Sei Pippi, nicht Annika» heisst es oft in Anlehnung an Pippi Langstrumpf. Dies ist ein neuer Glaubenssatz, der von Eltern an ihre Kinder weitergegeben wird – in bester Absicht. Dennoch schwingt darin eine Erwartung mit, dem ein Mädchen gerecht werden soll. Wird es das nicht, bleibt ein Gefühl des Nichtgenügens zurück.

Oft werden Limiting Beliefs unreflektiert von Generation zu Generation weitergegeben. Denn Kinder schauen sich diese Glaubenssätze und Rollenbilder von ihren Eltern ab. Der Prozess ist der Gleiche wie beim Spracherwerb: nebenbei, unbewusst und unreflektiert. Und weil Kinder bis zu einem gewissen Alter gar nicht in der Lage sind, das Verhalten ihrer Eltern zu hinterfragen, nisten sich die elterlichen Glaubenssätze schon früh im kindlichen Kopf ein. Die positiven wie auch die negativen. Sie engen sie ein und verhindern, dass sie sich frei entfalten und ihren Weg so gehen, wie es sich für sie persönlich gut anfühlen würde.

Mit Achtsamkeit gegen Limiting Beliefs. Illustration: Ewelina Rynkiewicz (aus: Kaleio-Ausgabe 5: Mein Raum).

Den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht werden

Das Rollenbild der modernen Mutter bietet ein Beispiel dafür, wie wir aufgrund von Limiting Beliefs Ansprüchen gerecht werden wollen, die vielleicht gar nicht die unseren sind. Eine moderne Mutter muss praktisch perfekt sein, um ihrer Rolle zu genügen. Gestützt wird dieses unrealistische Rollenverständnis oft durch das Vorbild der eigenen Mutter, die entweder perfekt erscheint, sodass man selbst so eine Mutter sein möchte. Oder die vielleicht auch nicht ganz perfekt war, sodass man es beim eigenen Kind besser machen möchte.

Hinzu kommt der Einfluss von aussen: Schliesslich scheint es in unserer Gesellschaft so zu sein, dass es alle Mütter schaffen, starke Kinder zu erziehen und trotzdem mit links Karriere zu machen, den Haushalt zu führen und Zeit für sich, Sport und Hobbys zu finden. Dass es auch bei anderen Familien unordentlich ist, dass oft Haushaltshilfen für ein aufgeräumtes Zuhause sorgen und dass die Zeit für ein gutes Buch auch bei anderen auf der Strecke bleibt – darüber wird wenig gesprochen.

Und so flüstern die Limiting Beliefs: «Du hast es nicht drauf. Dein Kind hat eine bessere Mutter verdient.» Der Druck, dem Idealbild entsprechen zu wollen, ist enorm. Wer ist schon gerne ungenügend?

Was die Limiting Beliefs der Eltern dem Kind vermitteln

Leider stellen sich Mütter, die solchen negativen Glaubenssätzen unterliegen, selber hintan. Weil nach dem Aufräumen, dem Kinder-zum-Sport-Fahren, dem Geschenke-für-den-Geburtstag-Organisieren und all den anderen Aufgaben keine Zeit mehr für sie bleibt.

Kinder wiederum lernen, dass dieses Verhalten normal ist. Eine Mutter hat so zu sein. Sie ist immer etwas unter Zeitdruck. Sie muss sich um die Bedürfnisse aller Familienmitglieder kümmern – und ihre eigenen zurückstellen.

Kinder lernen, dass zwischen Haushalt, Arbeit und Kindererziehung keine Zeit für eigene Bedürfnisse bleibt. Keine Zeit zum Innezuhalten oder zum Durchatmen. Keine Zeit für schöne Erlebnisse. «Trödel nicht, wir sind spät dran!» Der Erwartungsdruck der Eltern wird dem Kind weitergegeben. Und es ziehen die ersten Limiting Beliefs in den Kinderkopf ein:

«Ich muss funktionieren.»

«Meine Bedürfnisse sind nicht so wichtig.»

«Ich bin nicht wichtig.» (Gleich wie bei der Mutter.)

Zurück zu dem Beispiel des Mädchens, das früher bescheiden und heute stark wie Pippi sein soll: In beiden Fällen sind es die Glaubenssätze der Eltern, die auf das Kind übertragen werden. Entspricht es der elterlichen Vorstellung nicht, gerät es im schlimmsten Fall in Selbstzweifel, die in einem niedrigen Selbstbewusstsein und der Angst münden, dass Mama und Papa es nicht liebhaben, wenn oder weil es anders ist.

Diese Art zu denken ist der Feind des persönlichen Glücks. Denn wenn ein Mensch es allen anderen recht machen will, verliert er sich selbst, seine Ziele und Wünsche aus den Augen. Entscheidungen, die diese Kinder im späteren Leben treffen, treffen sie nicht für sich, sondern weil sie sich die Aufmerksamkeit und Zuneigung anderer Menschen erhoffen. Sie scheuen Konflikte und haben ihr innerstes Selbst fest in sich verschlossen – weil sie gelernt haben, dass sie nicht gut und wichtig sind.

Limiting Beliefs mit Achtsamkeit durchbrechen

Diese Gedankenspirale im Erwachsenenalter zu durchbrechen, ist nicht unmöglich, aber mühsam. Dabei helfen Achtsamkeit, Reflexionsvermögen und Humor. Für Eltern bedeutet dies, sich selbst, ihr Handeln und ihre Gedanken immer wieder und wohlwollend zu hinterfragen: «Wo kommt diese Ansicht her? Ist das wirklich meine? Was möchte ich

Zwar ist es nicht leicht, sich den gesellschaftlichen und teils familiären Zwängen entgegenzustellen und Erwartungen zu enttäuschen. Hier hilft es zu sagen: «Für uns fühlt sich dieser Weg richtig an.»

Denn mal ehrlich: Die Welt dreht sich weiter, auch wenn Mama durchatmet und den Haushalt einfach mal sein lässt (und dafür etwas für sich macht). Und Kinder brauchen weder Pippi noch Annika zu sein, sondern sind in ihrer Einzigartigkeit wichtig und richtig.

Diese Erfahrungen und Beobachtungen stärken Kinder. Sie geben ihnen das Gefühl, dass sie gut sind, so, wie sie sind. Dass ihre Bedürfnisse und Wünsche beachtet werden. Dass Mama und Papa hinter ihnen stehen und an sie glauben. Das macht Kinder nicht nur selbstbewusst – es hilft ihnen auch, die lästigen Limiting Beliefs aus ihren Köpfen zu schmeissen und ihnen zum Abschied den Stinkefinger zu zeigen.


Zwei Übungen für mehr Achtsamkeit im Familienalltag

Auf sich hören, sich spüren, sich fühlen – schon von klein auf kann man Kinder an dieses Sich-selbst-Wahrnehmen heranführen. So lernen sie, ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren, und Limiting Beliefs können dadurch weniger greifen. Im Folgenden sind zwei Übungen, mit denen es Familien ganz leicht gelingt, mehr Achtsamkeit in ihren Alltag zu integrieren und somit auch lästige Limiting Beliefs hinter sich zu lassen.

Übung 1: «Was fühle ich?»

Diese Übung stärkt die Selbstwahrnehmung:

Legt euch alle auf den Fussboden und setzt euch einen Gegenstand wie ein Kissen, ein Buch oder das Lieblingskuscheltier auf den Bauch. Schliesst dann die Augen und spürt in euch hinein: Wie fühlt sich der Gegenstand auf dem Bauch an? Ist er leicht? Schwer? Bewegt er sich? Ist er kalt oder warm? Hat er Ecken oder Kanten, die euch pieksen? Sprecht anschliessend gemeinsam darüber und vergleicht eure Wahrnehmungen.

Übung 2: Das Schönste an deinem Tag

Diese Übung hilft dabei, die Reflexion zu verbessern:

Fragt euch während oder nach dem gemeinsamen Abendessen: «Was war das Schönste an deinem Tag?» Ein Familienmitglied beginnt und erzählt von seinem schönsten Erlebnis. Fragen wie «Warum war das für dich besonders schön?» oder «Wie hast du dich dabei gefühlt?» können helfen, das Erlebte noch besser zu reflektieren und die eigenen Gefühle wahrzunehmen und einzuordnen.


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