Bro Culture in der Tech-Branche: Eine Informatikerin erzählt

Die Informatik ist eine männerdominierte Branche. Dem war nicht immer so. Historisch gesehen ist die Arbeit mit und an Computern weiblich geprägt. Erst in den 1970er-Jahren wurden Frauen verdrängt. In der Schweiz machen Frauen heute nur knapp über 10 Prozent der Auszubildenden in der IT aus. Auf dem Arbeitsmarkt machen sie unter 15 Prozent aus. Es gibt viele Gründe, warum Frauen in der Tech-Branche stark unterrepräsentiert sind. Einer, der häufig genannt wird, ist die Arbeitsplatzkultur. Wir haben Mia* dazu befragt. Die Endzwanzigerin stammt aus einer IT-Familie: Ihre Mutter, ihr Vater und sie selbst sind allesamt Informatiker:innen.

Illustration: Mariusz Kornatka (aus: Kaleio Nr. 7: Mein Passwort).

Kaleio: Was gefällt dir am Beruf der Informatikerin?

Mia: Man arbeitet im Team und löst gemeinsam Probleme, das macht mir Spass. Dadurch wird es nie langweilig, man lernt nie aus. Und am Ende des Tages sieht man ein Ergebnis, man hat ein Produkt. Je nach Firma und Bereich kann man wirklich etwas bewegen in der Welt. Das ist ein gutes Gefühl. Ich glaube, dass der Beruf vielen Kindern gefallen könnte, und finde es daher schade, dass Mädchen so entmutigt werden.

Inwiefern werden Mädchen entmutigt, diesen Beruf zu ergreifen?

Für mich war die Informatik nie ein geschlechtsspezifischer Beruf, da meine Eltern beide in der IT arbeiten. In der Schule wurde mir und den anderen Mädchen aber immer vermittelt, dass Mathematik und Technik nur für Jungs sei. Als ich beschloss, Informatik zu studieren, meinten viele, dass ich Witze mache. Von Ermutigung keine Spur, weder von Gleichaltrigen noch von Erwachsenen. Nicht nur wirst du in eine geschlechtstypische Richtung gedrängt, sondern du stösst richtig auf Widerstand, wenn du dich für einen geschlechtsatypischen Beruf entscheidest. Das ist schwierig, vor allem in einem Alter, in dem das Selbstvertrauen noch nicht gefestigt ist und man dazugehören will.

Es gibt zahlreiche Initiativen und Angebote, um junge Frauen in die Informatik zu locken. Dennoch stagnieren die Zahlen, die Bemühungen scheinen nicht zu fruchten. Wie erklärst du dir das?

Organisatoren solcher IT-Schnuppertage für Mädchen sind oft Männer aus dem Management, die von dem Thema nicht unbedingt viel Ahnung haben. Sie veranstalten die Events, weil es der Firma Sichtbarkeit verschafft und dem Image gut tut. Man muss sich auch fragen, wie viele Mädchen wirklich von den Förderprogrammen erfahren und davon profitieren. Doch das Problem beginnt früher. Während der gesamten Schulzeit hören die Mädchen: «Frauen sind in diesem oder jenem gut, aber nicht in technischen Berufen.» Dann, wenn sie 14 oder 15 sind und sich für einen Beruf entscheiden sollen, versucht man plötzlich, ihnen die Informatik schmackhaft zu machen.

Illustration: Mariusz Kornatka (aus: Kaleio Nr. 7: Mein Passwort).

Wie könnte man die Angebote denn attraktiver gestalten?

Es ist manchmal fast peinlich, was an Schnuppertagen vermittelt wird. Wenn ein Mann vorne steht und den Mädchen sagt: «Ihr seid Superheldinnen, ihr seid ganz besonders, denn ihr könnt auch IT», trägt das nicht dazu bei, dass Frauen in der IT-Branche normalisiert werden. Auch dass die Mädchen beim Rundgang fast nur Männer sehen, löst wahrscheinlich bei vielen Zweifel aus: «Gehöre ich da wirklich hin?» Aber wenn man Aktivitäten mit ihnen macht, zum Beispiel einen Roboter bauen oder eine einfache Website umsetzen, sieht man, dass sie es gern machen, und das freut dann sehr. Was auch cool ist, sind die ganzen Online-Kurse, die es inzwischen gibt. Oder man kann einfach auf YouTube schauen und sich einen Eindruck verschaffen.

Wie reagieren Männer aus deinem beruflichem Umfeld darauf, dass Frauen und Mädchen in der IT gefördert werden?

Ich höre oft Klagen, dass es so viele Förderprogramme für Frauen gebe und dass Frauen es so viel einfacher hätten. Sie begreifen aber nicht, dass diese nötig sind, um überhaupt so etwas wie Gleichstellung zu erreichen. Und ganz ehrlich: Man kann noch so viele gute Programme haben – wenn man dich aufgrund deines Geschlechts nicht einstellen will, bringt das alles nichts.

Sind Informatikerinnen denn nicht sehr begehrt?

Es ist generell nicht schwer, einen Job in der IT-Branche zu finden. Und manche Recruiter nehmen gern Frauen in ihr Portfolio auf, weil es sich gut macht. Aus dem gleichen Grund laden viele Firmen Frauen zum Bewerbungsgespräch ein. Aber oft fehlt die Bereitschaft, tatsächlich Frauen einzustellen oder zu befördern und die Arbeitsplatzkultur zu verändern. Zum Beispiel unternimmt das Management nichts gegen sexistische Sprüche am Arbeitsplatz.

Das klingt fast mutwillig.

Ich erkenne darin eher Bequemlichkeit und Verunsicherung. Veränderungen sind für viele beängstigend. Nicht wenige IT-ler finden im Job Erfolg, den sie vorher vielleicht nicht hatten. Das hat sicher auch mit den Bildern in unserem Kopf zu tun, die durch Serien wie «The Big Bang Theory» verstärkt werden: Ein Informatiker ist ein supergescheiter Mann, ein Mathegenie, das in seiner eigenen Welt lebt. Entsprichst du diesem Bild, wird dir die IT nahegelegt – das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung, ein Stereotyp, das von vielen Informatikern aktiv bewirtschaftet wird. Es entsteht eine Art Club, in dem alle dieselben Interessen haben. Es ist ein Lifestyle, aber auch ein geschützter Rahmen. Und der wird gestört oder herausgefordert – nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern, die eine andere Männlichkeit repräsentieren.

Illustration: Mariusz Kornatka (aus: Kaleio Nr. 7: Mein Passwort).

Wie äussert sich diese sogenannte Bro Culture am Arbeitsplatz?

Ich empfinde diese Bro oder Nerd Culture als sexistisch. Ich höre oft Sprüche, die weit unter die Gürtellinie zielen, etwa über Jobkandidatinnen. Frauen müssen häufig beweisen, dass sie wissen, wovon sie sprechen. Eine Kollegin von mir zum Beispiel ist ebenfalls in der IT tätig. Ihr Vorname ist sowohl ein Frauen- als auch ein Männername. Wenn sie Mails schreibt, wird sie nie hinterfragt, denn man geht davon aus, dass sie ein Mann ist. In persönlichen Meetings hingegen werden ihre Entscheidungen regelmässig angefochten bzw. wird die Zweitmeinung eines Mannes eingeholt. Ich habe auch den Eindruck, dass man Frauen ihre Fehler weniger bereitwillig verzeiht als Männern und gerne vom Individuum aufs Geschlecht schliesst.

Wie gehst du persönlich mit der Bro Culture um?

Ich bin eine sture Person und nehme das als Herausforderung auf. Ich höre von Arbeitskollegen oft, dass Frauen in der IT keine typischen Frauen seien. Ich beweise gerne das Gegenteil, nämlich dass man weiblich und kompetent in einem technischen Beruf sein kann.

Welche Entwicklungen siehst du am Horizont?

Die Arbeitsplatzkultur hat viel damit zu tun, dass Frauen nicht lange in der IT bleiben. Doch je mehr Frauen den Beruf ergreifen, desto mehr ändert sich diese Kultur und desto einfacher wird es. Dass die Informatik neu ins Schulcurriculum aufgenommen wird, finde ich eine gute Sache. Diese frühen Erfahrungen könnten einen grossen Wandel bringen. Und ich glaube, dass jeder Arbeitsort, der einmal eine Frau im Team hatte, offener wird für weitere Frauen. Diversität ist in aller Munde. Aber es braucht halt Zeit, das entmutigt mich manchmal. Denn wir sind dabei, ein digitales Abbild unserer Gesellschaft zu erschaffen, das vorherrschende Biases übernimmt und systemische Ungerechtigkeiten dadurch verfestigt. Dem müssen wir zuvorkommen.

Illustration: Mariusz Kornatka (aus: Kaleio Nr. 7: Mein Passwort).

* Die Befragte verwendet ein Pseudonym. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

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