Familienexperiment: Rollentausch

Sylwia Szwed, Agnieszka Wojnarowska

In der Ausgabe 10 von «Kaleio» zum Thema «Welt ohne Erwachsene» haben wir einen Text verkehrtherum abgedruckt. Ja wirklich! Es handelt sich um eine kurze Anleitung für ein Familienexperiment, bei dem die Kinder in die Rolle der Erwachsenen und die Erwachsenen in die Rolle der Kinder schlüpfen.

Die Leserinnen erfahren in dem Beitrag, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein solches Experiment gelingen kann. Zum Beispiel müssen als Erstes gemeinsame Regeln festgelegt werden. Je frühzeitiger die Kinder den Tag planen, desto höher ist zudem die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht zu grösseren Schwierigkeiten kommt. Es muss ausserdem jemand für Unterhaltung sorgen, aber – Achtung! – wir weisen darauf hin, dass auch der Abwasch nach dem Mittagessen erledigt werden muss. Vor allem aber muss jedes Familienmitglied mit dem Experiment einverstanden sein.

Ziel dieses eintägigen Rollentauschs ist es nicht, die häusliche Ordnung auf den Kopf zu stellen, und – der Schein trügt vielleicht – auch nicht, morgens, mittags und abends Eis zu essen. Das eigentliche Ziel ist Empathie: über die Rolle hinauszugehen, die man im alltäglichen Familiensystem einnimmt, und seine Familie von einem neuen Blickwinkel aus zu betrachten. Das Experiment beruht auf einer Annahme, von der wir überzeugt sind: dass das Einnehmen der Rolle einer oder eines anderen zu mehr Nähe und Verständnis zwischen Menschen führt. Ganz einfach. Beobachten wir uns also einen Moment in einer Situation, die nicht alltäglich ist. Konzentrieren wir uns nicht auf das Erreichen von Zielen, sondern entspannen wir uns. Für unsere Kinder wiederum bietet dieses Experiment die Chance auf eine Portion Eigenständigkeit, das Ausprobieren neuer Aspekte von Freiheit («Oje, was mache ich heute zum Mittagessen?»), aber auch auf die Erfahrung einer Art von Macht. Vielleicht entdecken die Kinder ausserdem, dass man im Familienleben auf so viele Dinge achten muss. Wie überzeugen sie dich beispielsweise, unter dem Tisch zu fegen?

Wichtig ist, dass auch die Erwachsenen sich auf diesen Tag vorbereiten, damit das Experiment gelingt und für alle ein Erfolg ist. Deswegen raten wir:

  • Wenn du nicht am Rollentausch teilnehmen willst, dann tu das nicht widerwillig. Authentizität ist bei einem solchen Experiment wichtig.
  • Nutz das Experiment nicht, um dich zu beschweren, zu jammern oder bei jedem Schritt Widerstand zu leisten, um den Kindern zu zeigen, wie schwierig der Elternalltag ist. Bei diesem Experiment geht es nicht darum, jemanden zu verletzen oder «es den Kindern einmal zu zeigen».
  • Versuch, die Entscheidungen der Kinder zu respektieren (natürlich nur, solange sie eure Sicherheit nicht gefährden), selbst wenn dir zielloses Umherstreifen im Quartier etwas exzentrisch erscheint. Denk daran, dass du mit dem Rollentausch einverstanden warst.
  • Bemüh dich, mit der anderen Seite zusammenzuarbeiten, und unterstütz die Kinder, wenn nötig, behutsam.
  • Vermeide einen erzieherischen Ton.

Es ist sehr wichtig, vor dem Experiment wirklich gemeinsame Regeln aufzustellen und abends kurz darüber zu sprechen, was im Laufe des Rollentauschs alles passiert ist. Lasst das Erlebte nicht einfach kommentarlos stehen. Ihr könnt als Familie darüber sprechen, was angenehm daran ist, erwachsen zu sein, und was angenehm daran ist, ein Kind zu sein. Oder was euch überrascht hat. Und vielleicht könnt ihr manche Lösungen in euren Alltag «nach dem Experiment» übertragen?

Am schönsten ist, dass dieser Tag auch für dich nett und angenehm sein kann. Du kannst endlich im Hier und Jetzt sein, dein Handy ausschalten und dich der Welt öffnen. Du kannst wie ein Kind barfuss herumlaufen, ein Zelt unter dem Tisch bauen, dich am Geschmack der Haselnussschokolade erfreuen, gaaanz langsam zu Mittag essen, Blumen pflücken und abends Schäfchen zählen.

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