Selbstwirksam wie Pippi Langstrumpf

Wer in sich und seine Fähigkeiten vertraut, sieht in schwierigen Situationen eher eine Herausforderung als ein Problem.

Wer in sich und seine Fähigkeiten vertraut, sieht in schwierigen Situationen eher eine Herausforderung als ein Problem.

Photo: © Association du Scoutisme Jurassien

Klimawandel, Überbevölkerung, Meeresverschmutzung, Corona-Pandemie – es gäbe für die jungen Generationen gute Gründe, vor diesen grossen Herausforderungen zu verzagen. Umso beeindruckender finde ich Mädchen wie die 13-jährige Chiara aus Genf. In der dritten Kaleio-Ausgabe erzählt sie, wie und warum sie für mehr Klimaschutz kämpft. Dafür geht sie auf die Strasse, schreibt Briefe an die Zeitung und schränkt sich in ihrem Lebenswandel ein.

Vermutlich hat Chiara eine gehörige Portion Selbstwirksamkeit. In der Pädagogik und Psychologie ist das ein ganz wichtiger Begriff. Gemeint ist die Überzeugung eines Menschen, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Selbstwirksamkeit ist damit eine Schlüsselressource für die psychische Gesundheit und eine Fähigkeit, die uns das Leben leichter macht, wenn wir sie im genügenden Masse besitzen bzw. erlernt haben. Sie hilft uns  während Phasen, in denen nichts wirklich beständig erscheint und alles im Wandel ist, beispielsweise während der Pubertät.

Photo: © Yannic Schnelli

Laut Gesundheitsförderung Schweiz lernen wir Selbstwirksamkeit vor allem als Kinder und Jugendliche. Wollen wir Mädchen und Buben dabei unterstützen, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, dann müssen wir ihnen Folgendes bieten:

  • Raum, um eigene Erfahrungen zu sammeln
  • Möglichkeiten, an Entscheidungen/Projekten partizipativ mitzuwirken
  • Unterstützung durch Peers/Mentor*innen
  • Reflexion und Diskussion über das Erlebte oder aktuelle Herausforderungen

«Wir lernen Selbstwirksamkeit vor allem als Kinder und Jugendliche.»

Wie könnte eine solche Umsetzung in der Praxis konkret aussehen? Eigene Ideen in die Tat umsetzen und dabei Selbstwirksamkeit erleben – das bietet beispielsweise die Schweizer Schtifti Foundation mit ihrem Programm GORILLA Rookies. «Jugendliche, die mitmachen, kommen mit eigenen Ideen für Projekte. Wir coachen sie bei der Umsetzung, bleiben aber im Hintergrund», erklärt mir Sina Candrian. Beispielsweise wollte ein Mädchen, das gerne Snowboard fährt, einen Lawinenkurs organisieren. «Sobald all die W-Fragen auftreten (wie, wann, wer, wo), kommt bei vielen Unsicherheit auf. In dieser Phase unterstützen wir die Jugendlichen», sagt Sina. Trotzdem blieben die Jugendlichen im Lead. Komme ein Projekt zu einem erfolgreichen Ende, sind die Verantwortlichen dann sehr stolz.

Umfallen, aufstehen, nochmals probieren und irgendwann klappt’s! So könnte man das Motto des Skatingkurses zusammenfassen, der im Rahmen des GORILLA Programms organisiert wurde.

An einer Herausforderung wachsen, das tut auch die 13-jährige Pfadfinderin Juliana, die ich ebenfalls für die dritte Ausgabe von Kaleio interviewt habe. Juliana behauptet von sich, ein Angsthase zu sein, und trotzdem stellt sie sich Mutproben in der Pfadi. So härte sie sich ab.

Die Pfadi scheint ein geradezu perfektes Umfeld zu sein, um Selbstwirksamkeit zu erleben und zu erlernen. Im Gespräch mit der 20-jährigen Pfadi-Leiterin Francesca Altorfer verstehe ich schnell, warum das so ist. Einerseits geht es bei den Pfadi-Treffen immer darum, dass die Kinder und Jugendlichen eine Aufgabe gestellt bekommen, eingebettet in eine Geschichte, die sie gemeinsam in der Gruppe lösen müssen. «Ich beobachte häufig, wie jene Kinder und Jugendliche mit mehr Selbstvertrauen oder diejenigen, die schon etwas älter sind, oft mehr Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig motiviert und inspiriert das die anderen, die vielleicht etwas weniger Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein haben», sagt Francesca.

Photo: © Noah Theiler

Andererseits lautet das Motto der Pfadi: Junge leiten Junge. Schon mit 15 fängt man an, Gruppen zu leiten und Verantwortung zu übernehmen. Das habe auch Francesca stark geprägt. «Zum Teil hat mich das sehr stark gefordert, als ich beispielsweise schon mit 17 die Mitverantwortung für ein Lager mit 30 Teilnehmer*innen trug .» Doch solche Erfahrungen haben ihr Vertrauen in sich und ihre Mitmenschen gestärkt.

Dass die Pfadi förderlich für die Selbstwirksamkeit ist, zu diesem Schluss kommt übrigens auch eine Studie aus Grossbritannien. Darin konnten die Forscher*innen zeigen, dass Erwachsene, die in ihrer Jugend in der Pfadi waren, später im Leben deutlich seltener an psychischen Problemen wie Depressionen und Angststörungen litten.

«Es ist wichtig, dass ein Kind weiss, woraus es seine Kraft zum Handeln schöpft.»

Ein solches Umfeld, das Selbstwirksamkeit fördert, kann sich ein Kind ein Stück weit auch selber schaffen. Dafür ist es wichtig, dass es weiss, woraus es seine Kraft zum Handeln schöpft. Das können Familie, Freund*innen, Lehrpersonen oder andere Vorbilder sein, aber auch positive Erlebnisse und das Wissen um eigene Stärken. Im Heft sprechen wir daher auch von Kraftflüssen. Auf diese Weise wollen wir in der dritten Kaleio-Ausgabe Mädchen darin bestärken, in sich und ihre Fähigkeiten zu vertrauen und so beherzt zu versuchen, ihre Ideen umzusetzen. So wie die selbstwirksame Pippi Langstrumpf, die in einer Geschichte sagt: «Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!»


Martina Polek ist Journalistin bei Radio SRF, übersetzt freiberuflich Wissensbücher für Kinder aus dem Polnischen ins Deutsche und ist Gründungsmitglied von KALEIO für Mädchen (und den Rest der Welt).

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