«Hört euren wütenden Mädchen zu»

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Wut verscheckt sich bei Mädchen oft unter Schichten von Trauer oder Verletztheit. Dabei ist sie ein wichtiges Signal dafür, dass Bedürfnisse unterdrückt werden und etwas am brodeln ist.

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Long exposure of Tungurahua volcano with blue skyes

Ob bei Strassenprotesten in Belarus oder am Frauen*streik in der Schweiz: Die weibliche Wut ist in den letzten Jahren sichtbarer geworden. Wie gehen Mädchen mit ihrer Wut um? Und wie reagiert die Gesellschaft auf wütende Mädchen und Frauen? Darüber haben wir mit der Psychologin Anna Ross gesprochen.

Kaleio: Vor gut einem Jahr hat Greta Thunberg am UN-Klimagipfel eine Rede gehalten, in der sie die Anwesenden mit den Worten «How dare you…» («Wie wagt ihr es …») eindringlich aufforderte, gegen den Klimawandel aktiv zu werden. Während der Rede war sie den Tränen nahe, kontrollierte ihre Stimme, wirkte wütend, aber zugleich gefasst. Ist das eine typische Art, wie ein Mädchen seine Wut zeigt?

Anna Ross: Greta Thunberg hat als Mädchen mit einem Asperger-Syndrom wahrscheinlich einen eigenen Umgang mit Emotionen. Allgemein kann man aber sagen: Nur wenige hätten den Mut gehabt, sich hinzustellen vor den Grossen dieser Welt. Dass sie Tränen in den Augen hatte, ist in diesem Moment wohl einfach so passiert. Sie hatte eine grosse Frustration in sich, dass so viele Menschen die Gefahr ignorieren, die uns allen droht. Aber wenn man die Situation ohne diesen Kontext betrachtet, ist das schon auch eine ganz normale Wutreaktion.

Gibt es überhaupt Unterschiede, wie Mädchen und Jungs ihre Wut zeigen?

Davon geht man aus. Aber es ist in der heutigen Zeit nicht mehr ganz so schlimm wie vor 40 oder 50 Jahren, als den Mädchen fast versagt wurde, ihre Aggressionen oder ihre Wut auszudrücken. So ist es Gott sei Dank nicht mehr. Aber in unseren Köpfen gibt es noch Überbleibsel aus dieser Zeit. Da muss man sich auch selber immer wieder mal fragen, welche Überzeugungen noch in einem stecken.

Wie zeigen Mädchen ihre Wut im Gegensatz zu Buben?

Das kommt sehr auf das Alter drauf an. Grundsätzlich ist die Bandbreite, wie Mädchen sich verhalten, deutlich grösser geworden. Die Tendenz ist aber noch immer sehr stark, dass Mädchen aggressive Gefühle weniger direkt äussern. Leider ist es noch immer so, dass Wut oder Ärger in Gruppen von Mädchen eher hintenrum gezeigt wird. Sie sagen dann vielleicht: «Mit der wollen wir jetzt nichts mehr zu tun haben.» Bei Jungs ist das anders: Auf der Primarschulebene, wo Wut noch sichtbarer ist als später, reagieren sie recht körperlich und oft auch ziemlich direkt. Wobei auch Jungs soziale Spiele von Ausschliessen kennen, um sich an jemandem zu rächen. Grundsätzlich beobachte ich, dass Jungs ihre Gefühle weniger verbal benennen und dass sie sich ihren Gefühlen nicht so bewusst sind.

«Es besteht die Gefahr, dass das Mädchen in seinem Anliegen nicht gesehen wird.»

Was ist der Grund für diese Unterschiede?

Über diese Frage herrscht grosse Uneinigkeit in der Wissenschaft. Die einen sehen im Vordergrund vor allem biologische Gründe, also genetische Ursachen oder Unterschiede im Gehirn. Für andere machen Umwelteinflüsse einen grossen Teil der Unterschiede aus, also wie unsere Gesellschaft mit Jungen und Mädchen umgeht. Aber das ist ein weites Forschungsfeld, da müsste man eher eine Soziologin befragen. Für meine Arbeit ist es wichtig, zu sehen, wie das Umfeld auf das Kind reagiert. Darf ein Mädchen seine Wut ausdrücken? Ist es einem Jungen erlaubt, mit Weinen zu reagieren? Auch Social Media spielt da eine immer grössere Rolle.

Inwiefern?

Früher galt, dass neben den Eltern vor allem Gleichaltrige und Freundinnen und Freunde einen grossen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben. Heute bewegen sich alle auf Instagram oder TikTok und bekommen von der ganzen Welt Rückmeldungen zu ihrem Aussehen und Verhalten. Auf diesen Plattformen werden aber klare Vorstellungen von geschlechtstypischem Verhalten transportiert. Wobei man sagen muss, dass das natürlich auch bei traditionellen Medien wie Büchern und Spielzeug der Fall ist.

Um nochmals auf Greta Thunberg zurückzukommen: Viele Medien schrieben danach von einer «emotionalen Rede». Warum haben sie stattdessen nicht von einem «wütenden Appell» geschrieben?

Laut der Forschung ist es genau das, was passiert, wenn Frauen sich so äussern: Die Verletzlichkeit und die Emotionalität werden in den Vordergrund gestellt. Das zeigt sich später auch in der Arbeitswelt. Ein forsches Auftreten wird bei Frauen weniger anerkannt und eher negativ bewertet. Tatsächlich haben aber auch einige grosse Zeitungen von einem wütenden Appell geschrieben.

Ist auch der Begriff «hysterisch» ein Beispiel dafür? Der wird ja nur für Frauen verwendet.

Ja, hysterisch oder zickig. Die Hysterie ist ja von Sigmund Freud als ein Krankheitsbild beschrieben worden, das vor allen Dingen Frauen betrifft. Historisch gesehen war das also schon immer ein eher weiblich konnotierter Begriff. Als zickig werden heute oft Mädchen beschrieben, die aus Sicht der Eltern gerade grundlos schlechte Laune haben. Für mich steckt da ein Unverständnis dahinter oder auch eine Hilflosigkeit seitens der Eltern, mit der Wut umzugehen.

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Anna Ross ist Psychologische Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Sie lebt und arbeitet in Basel.

Was sind die Folgen von einer solchen geschlechterspezifischen Wahrnehmung und Beurteilung von Wut bei Kindern?

Es besteht die Gefahr, dass das Mädchen in seinem Anliegen nicht gesehen wird. Wut ist oft ein Signal dafür, dass irgendwelche Bedürfnisse gerade nicht erfüllt werden. Wenn man das mit Begriffen wie «zickig»oder «hysterisch» in eine Schublade presst, verschliesst man die Augen vor den tatsächlichen Problemen. Die müssen gar nicht weltbewegend sein, es kann sein, dass es Stress in der Schule oder mit Freundinnen und Freunden gibt. Aber man kommt mit dem Kind nicht weiter, wenn man seine Gefühle einfach als eine Laune abtut.

Ist Wut denn immer ein Gefühl, das man als Eltern thematisieren und überwinden muss oder haben Kinder auch das Recht, wütend zu sein?

Auf jeden Fall haben sie das. Aber es ist wichtig, dass man mit dem Kind versucht, das Gefühl zu benennen. Das ist die Grundlage einer guten Emotionsregulationskompetenz. In meiner Arbeit mit jungen Frauen und Mädchen beobachte ich oft, dass Wut das Gefühl ist, das sie am wenigsten wahrnehmen können. Es versteckt sich unter Schichten von Trauer oder Verletztheit und wird aus verschiedenen Gründen nicht zugelassen. Zum Beispiel weil man durch Wut nicht mehr loyal wäre zu den Menschen, die man gern hat. Oder weil die Mädchen das Gefühl haben, dass das für sie kein angebrachtes Gefühl ist.

«Situationen, in denen Wut eine Rolle spielt, kommen Eltern oft in einem Gefühlsknäuel entgegen.»

Wie kann man als Eltern die Wut der eigenen Tochter erkennen?

Situationen, in denen Wut eine Rolle spielt, kommen Eltern oft in einem Gefühlsknäuel entgegen. Das kann für Eltern ziemlich viel und heftig sein. Es hilft schon, wenn man genau hinhört, was das Kind sagt. Man kann es auch direkt fragen, warum es gerade aufgebracht ist. Das bringt meist mehr, als zu sagen «So redest du nicht mit mir» oder «Hör auf, so rumzuschreien». Mein Rat deshalb an die Eltern wäre: Hört euren wütenden Mädchen zu.

Sollen Eltern im Umgang mit Wut einen Unterschied zwischen ihren Töchtern und Söhnen machen?

Auch bei Jungs ist die Bandbreite des Umgangs mit Gefühlen sehr gross. Aber man muss vielleicht ein bisschen mehr berücksichtigen, dass sie ihre Gefühle ausdrücken können und sich trauen, darüber zu sprechen. Bei Jungs besteht die Gefahr, dass ihre Verletzlichkeit übersehen wird, während bei Mädchen diese wie schon gesagt oft überbetont wird. Mädchen kann man dagegen Hilfen anbieten wie zum Beispiel ins Zimmer zu gehen und mal laut zu brüllen oder ins Kissen zu boxen. Es sollte eher darum gehen, die Wut rauszulassen und zu zeigen, dass es okay ist, wütend zu sein. Generell finde ich es aber wichtig, dass dabei gewisse Grenzen eingehalten werden und kein Schaden angerichtet wird.

Sind sich die heutigen Eltern überhaupt bewusst, dass sie im Umgang mit ihren Töchtern Geschlechterrollen verhärten können?

Ich habe den Eindruck, dass viele Eltern sich bemühen, mehr Gleichheit zu schaffen. Aber das ist manchmal gar nicht so leicht, weil wir mit diesen Geschlechterrollen aufgewachsen sind. Eltern können sich einmal überlegen, mit welchen Erwartungen an ihr Geschlecht sie aufgewachsen sind. Sie können sich auch fragen, welche weiblichen Vorbilder und starken Frauen es in ihrem eigenen Familienstammbaum gab und was man von ihnen lernen kann.


Das Interview führte Gina Bachmann. Sie arbeitet als Journalistin und studiert Soziologie an der Universität Basel.

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