Lasst eure Kinder tüfteln!

Kreativität führt zu mehr Selbstwirksamkeit. Wie man das freie Experimentieren fördern kann und was das mit Empowerment zu tun hat, erklärt Andrea Syz von KILUDO.

Zu malen und zu gestalten ist ein ursprüngliches, menschliches Bedürfnis. Doch in der heutigen Zeit werden wir täglich von aussen mit Bildern überflutet und wir vergessen dabei oft, unseren inneren Bildern genügend Raum zu geben. Dem können wir als Eltern entgegenwirken, denn Kreativität ist der Schlüssel für eigenständiges Denken und für ein gutes Urteilsvermögen. Wie Albert Einstein einst sagte: «Die einzige Quelle von Wissen ist Erfahrung.»

Den inneren Bildern Raum geben. © Kiludo Kreativmagazin

In meinem Alltag als Pädagogin und Mutter von zwei Töchtern erlebe ich täglich, dass Kinder durch das freie Experimentieren mit vielfältigen Materialien wertvolle Erfahrungen machen und dabei wichtige Zusammenhänge erkennen. Die Kinder sind während dieses Schaffensprozesses «Entdeckerinnen und Forscher». Wir Erwachsenen müssen sie dabei unbedingt ihren eigenen Weg finden lassen, denn nur so erfahren sie selbst, wie und warum etwas funktioniert – oder eben nicht. Der Prozess von der Idee bis zur Realisierung eines Werkes beinhaltet wertvolle Lernschritte. Durch das Gefühl, etwas selbst entdeckt zu haben, nimmt das Kind seine Selbstwirksamkeit wahr und entwickelt ein gutes Selbstbewusstsein. Das wirkt sich zunehmend auf den Alltag aus, denn kreatives Denken und Handeln brauchen die Kinder nicht nur beim Basteln und Malen. Auch im lebenslangen Umgang mit Menschen, beim Lösen von schulischen Aufgaben oder im Umgang mit Schwierigkeiten im Alltag ist Kreativität essenziell:

Kreativen Kindern und Jugendlichen fällt es leichter, Probleme als Herausforderungen anzunehmen und eigene Lösungen finden.

Mehr eigenständig gelebte Kreativität erhöht die Resilienz bei Kindern und stärkt ihr Selbstbewusstsein.

Durch Kreativität finden Kinder den Zugang zu ihren inneren Bildern und auch zu ihrer Gefühlswelt.

Kreative Kinder und Jugendliche erleben durch ihren Schaffensprozess Glücksgefühle und Freude.

Kreative Kinder lernen, sich einzulassen, dranzubleiben und sich in ein Thema zu vertiefen.

Durch das kreative Schaffen machen Kinder sinnliche Erfahrungen und schulen die Feinmotorik.

Das analoge, manuelle Gestalten ist ein wichtiger Ausgleich zur täglichen Arbeit an digitalen Geräten.

Kreative Kinder und Jugendliche können ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten.

Es lohnt sich also, die Entfaltung des kreativen Potenzials im Kindesalter zu fördern und ihnen zu ermöglichen, Problemlösungskompetenzen fürs Leben zu erwerben. Denn Menschen, die gelernt haben, auf ihre eigenen schöpferischen Fähigkeiten zu vertrauen, sind oft eigenständig, innovativ und anpassungsfähig und hinterfragen ihre Umwelt kritisch. Diese Kompetenzen werden in gewissen Berufen immer wichtiger. Denn die Arbeitswelt befindet sich im Wandel, es entstehen neue Jobs und die Anforderungen an zukünftige Arbeitskräfte verändern sich. In Zukunft kann das kreative, vernetzte Denken eine wichtige Qualifikation sein.

So können wir im Alltag bei unsern Kindern Kreativität fördern

Zur freien Entfaltung der Kreativität müssen wir den Kindern altersgerechte Impulse geben. Das kann zum Beispiel eine mündliche Ermutigung sein, Neues zu entdecken: Sucht zusammen Ideen in einem Kreativmagazin oder im Internet und versucht, etwas, das euch gefällt, zu gestalten. Je weniger Vorgaben ihr findet, umso spannender wird es! Erkundet selbst, wie ihr die Idee umsetzen könnt. Das fördert das vernetzte Denken und das Erkennen von komplexen Zusammenhängen: Was funktioniert und was nicht? Wichtig: Beim Tüfteln gibt es kein «Richtig» oder «Falsch». Es gibt nicht nur einen Weg, der zum Ziel führt. Die Kinder sollen herausfinden, was ihnen entspricht und was für sie passt. Manchmal gelingt die Umsetzung nicht auf Anhieb und die Entdeckerinnen und Entdecker müssen mehrere Anläufe nehmen, bis sie zufrieden sind. Und das ist gut! Denn die Kinder sammeln dabei wichtige Erfahrungen, erweitern ihre Materialkenntnisse und steigern ihre Ausdauer.

Laura (8) hat einen Malroboter gebastelt. © Kiludo Kreativmagazin

Als Erwachsene sollten wir auf keinen Fall die Lösung vorwegnehmen, sonst entgehen den Kindern wichtige Lernschritte. Doch eine aufmerksame Anteilnahme am Prozess motiviert die Kinder. Erwartet aber keine «ansehnlichen» Arbeitsergebnisse, nehmt ihnen vielmehr den Leistungsdruck. Wichtig ist das Erforschen.

Eine weitere Idee: Sammelt alte Haushaltsgegenstände und Verpackungsmaterial. Zeigt sie den Kindern und fragt sie, was man daraus machen könnte. Es ist unglaublich, was für Ideen die Kinder entwickeln. Sie sind Meister im Umfunktionieren von Dingen, wenn man sie machen lässt.

Neben dem Sammeln von eigenen Gestaltungserfahrungen kann auch der Besuch einer  Ausstellung sehr inspirierend sein. Sucht mit der Familie in einem Museum eurer Wahl eure Lieblingswerke aus und geht diesen auf den Grund. Erörtert die verwendeten Materialien und Sujets.

Basteln macht glücklich und lehrt fürs Leben! Dieser Konfettispender stammt von Gina (10). © Atelier Andrea Syz

Das Vorbild von aktiven Eltern ist ebenfalls sehr anregend. Probiert selbst etwas Neues aus, schlagt euren Kindern vor, gemeinsam zu forschen, zum Beispiel das Mischen von Farben zu erkunden oder was aus einer PET-Flasche alles entstehen kann. Versucht dabei das Handy weit weg zu legen, um ganz bei der Sache zu sein. Lasst euch anstecken von der Neugier der Kinder und taucht gemeinsam in den Flow-Zustand ein. Die Begleitung eines kreativen Prozesses ist anspruchsvoll, sie erfordert von uns Erwachsenen Zeit, Achtsamkeit und eine gewisse Toleranz gegenüber dem «künstlerischen Chaos» und der Verschmutzung, die beim Gestalten entstehen können. Doch meiner Erfahrung nach lohnt es sich, diese Anstrengungen auf sich zu nehmen. Denn Kreativität ist eine Schlüsselkompetenz fürs Leben.

Weitere Anregungen zur Förderung der Kreativität eurer Kinder findet ihr im Leitfaden vom KILUDO Kreativmagazin (hier zum KILUDO-Newsletter anmelden und als Erste:r davon erfahren) und im Atelier Andrea Syz.


Andrea Syz ist Mal- und Kunsttherapeutin, Kindergärtnerin und Mutter von zwei Mädchen. Zudem ist sie pädagogische Beraterin vom KILUDO Kreativmagazin. Sie gibt in ihrem Atelier in Zürich Kindern und Erwachsenen den Raum zur Entwicklung ihrer schöpferischen Fähigkeiten. Dazu bietet sie vielfältige Anregungen und stellt geeignetes Material zur Verfügung, um bei Gross und Klein das kreative Potenzial zu wecken. Bei Bedarf gibt sie technische Tipps zur Umsetzung von eigenen Ideen.
www.andrea-syz.ch

KILUDO Kreativmagazin für Kinder
Das digitale Schweizer Kreativmagazin bietet einfache und coole Ideen zum Basteln, Spielen und Experimentieren. Für dich und deine Kinder. Die Ideen sind alle von Kindern ausgewählt und getestet. Im Online-Shop findest du neben dem Kreativmagazin auch Einzelanleitungen und Bastelboxen.

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