Collage Titelbild © Anna Lach-Serediuk
Viele Eltern kennen es: Die Tochter ist fleissig, zuverlässig und empathisch – und trotzdem zweifelt sie an sich selbst, hat Prüfungsangst oder fühlt sich schnell überfordert. (Mehr zu diesem Hermine-Syndrom findest du hier.)
Was auf den ersten Blick wie ein individuelles Problem wirkt, ist in Wahrheit ein strukturelles: Soziale und emotionale Kompetenzen werden in der Schule noch immer zu wenig gezielt gefördert.
Dabei zeigt die aktuelle OECD-Studie klar, wie entscheidend genau diese Fähigkeiten sind – nicht nur für die Schulzeit, sondern für das gesamte Leben. Sie bestimmen, wie gut Kinder mit Druck umgehen, Beziehungen gestalten und ihren eigenen Weg finden.
Mädchen können viel, aber sie trauen sich oft weniger zu
Die Daten zeigen ein widersprüchliches Bild: Mädchen bringen viele wichtige Stärken mit. Sie sind häufig besonders empathisch, verantwortungsbewusst und leistungsbereit. Gleichzeitig erleben sie jedoch überdurchschnittlich oft Stress, Angst und Selbstzweifel. Auch ihr subjektives Wohlbefinden ist im Schnitt geringer.
Das bedeutet: Mädchen fehlt es nicht an Fähigkeiten, sondern oft an innerer Sicherheit im Umgang mit diesen Fähigkeiten. Gerade zwischen 10 und 15 Jahren, einer Phase voller Veränderungen, verstärkt sich diese Dynamik deutlich.
👉 Mädchen können viel. Aber sie brauchen Unterstützung, um sich selbst auch etwas zuzutrauen.
Und was ist mit den Jungen?
Auch Jungen profitieren stark von sozial-emotionaler Förderung – allerdings zeigen sich bei ihnen andere Muster. Viele Jungen schätzen ihre Fähigkeiten wie Stressresistenz, Energie oder Selbstvertrauen höher ein. Gleichzeitig fällt es ihnen im Schnitt schwerer, Verantwortung zu übernehmen, empathisch zu handeln oder sich im schulischen Kontext zu motivieren.
Das bleibt nicht ohne Folgen. Schwierigkeiten im Umgang mit Emotionen, Konflikte im sozialen Umfeld oder mangelnde schulische Orientierung können daraus entstehen.
👉 Während Mädchen oft lernen müssen, mutiger zu werden, brauchen Jungen häufig Unterstützung darin, Gefühle wahrzunehmen und bewusst mit anderen umzugehen.
Warum Empathie bei Jungen besonders wichtig ist
Ein Aspekt wird dabei oft unterschätzt: Empathie beeinflusst direkt, wie Jungen später auf andere Menschen – insbesondere auf Mädchen und Frauen – blicken.
Wenn diese Fähigkeit nicht ausreichend entwickelt wird, fällt es schwerer, Perspektiven zu wechseln und andere ernsthaft zu verstehen. Stereotype werden weniger hinterfragt und einfache, oft polarisierende Erklärungen erscheinen attraktiver.
Gerade im digitalen Raum sind Jungen heute einer Vielzahl von Inhalten ausgesetzt, die stereotype Rollenbilder verstärken oder Frauen abwerten. Solche Botschaften der Manosphere knüpfen oft an Unsicherheiten an und bieten scheinbar einfache Antworten.
👉 Ohne starke soziale und emotionale Kompetenzen haben solche Strömungen ein besonders leichtes Spiel.
Empathie ist deshalb weit mehr als eine „soziale Fähigkeit“. Sie ist eine zentrale Grundlage für Respekt, Gleichberechtigung und gesunde Beziehungen.
Warum diese Kompetenzen echte „Future Skills“ sind
Soziale und emotionale Kompetenzen sind keine weichen Zusatzqualifikationen – sie gehören zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen überhaupt. Sie beeinflussen nicht nur den schulischen Erfolg, sondern auch die psychische Gesundheit, die berufliche Entwicklung und die Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen.
Kinder, die lernen, ihre Emotionen zu regulieren, sich selbst zu organisieren und konstruktiv mit anderen zu arbeiten, sind langfristig klar im Vorteil.
👉 Genau das sind die sogenannten Future Skills, die in einer komplexen und sich ständig verändernden Welt entscheidend sind.
Schulen sollen fördern – aber viele Lehrpersonen stehen allein da
Zwar sind soziale und emotionale Kompetenzen inzwischen in vielen Lehrplänen verankert. Doch im Schulalltag zeigt sich eine andere Realität: Es fehlt häufig an Zeit, an klaren Konzepten und vor allem an sofort einsetzbaren Materialien.
Viele Lehrpersonen wissen, wie wichtig diese Themen sind, fühlen sich aber gleichzeitig unsicher oder überfordert, weil sie mit der Umsetzung weitgehend allein gelassen werden.
👉 So bleibt die Förderung oft punktuell oder passiert nur nebenbei, anstatt systematisch aufgebaut zu werden.
Dabei wäre gerade die Primarschule der ideale Ort, um diese Kompetenzen früh zu stärken.


