Hilfe, meine Tochter mobbt!

Collage Titelbild © Anna Lach-Serediuk

Kaum jemand spricht darüber: Was tun, wenn das eigene Kind andere mobbt? Für viele Eltern ist dieser Gedanke schwer auszuhalten. Und doch ist Mobbing kein seltenes Phänomen – viele Kinder und Jugendliche geraten zeitweise in die Rolle der Täter:innen. Warum das passiert sowie sechs Tipps, was Eltern tun können, wenn ihr Kind mobbt, erklärt Sabrina Lisi, Expert:in für Mobbing, Resilienz und Diversity. Denn nur wer die Hintergründe versteht, kann wirksam handeln und Mobbing nachhaltig stoppen.

KALEIO: Ist ein Kind, das mobbt, böse?

Sabrina Lisi: Nein. Ein Kind, das mobbt, ist nicht «böse». «Gut» und «böse» gibt es fast nur in Märchen und Geschichten. Das Kind, das mobbt, ist selbst nicht schlecht – aber das Verhalten ist nicht okay.

Warum fängt ein Kind überhaupt an, ein anderes zu mobben?

Häufig geht es Kindern, die mobben, selbst nicht gut. Sie erleben beispielsweise Stress zu Hause, fühlen sich unsicher oder wurden früher selbst ausgeschlossen oder verletzt. Oft steckt ein Problem mit dem Selbstwert dahinter. Durch das Herabsetzen anderer fühlen sich manche Kinder kurzfristig stärker, mächtiger oder von der Gruppe anerkannt. Weitere häufige Gründe für Mobbing sind Gruppendruck, der Wunsch, beliebt zu sein, oder nach Macht und Kontrolle sowie die Angst davor, selbst ausgeschlossen zu werden.

Sabrina Lisi

Die Psycholog:in forschte und promovierte zum Thema Resilienz und begleitet seit vielen Jahren Menschen im Rahmen von Supervisionen, Coaching und Workshops in den Bereichen Vielfalt, Mobbingprävention, psychische Gesundheit, Antidiskriminierung und Bildungsgerechtigkeit. An der Schnittstelle von Bildung, Bühne und Beratung schafft sie Räume, in denen sich junge Menschen sicher, gesehen und ernst genommen fühlen können.

Instagram: glory_in_prevention

Web: sabrinalisi.ch

Mobben Mädchen anders als Jungen und/oder aus anderen Gründen?

Ja, es gibt gewisse Unterschiede – aber die sind nicht so gross, wie viele denken. Tendenziell mobben Jungen häufiger körperlich oder offen verbal, zum Beispiel durch Schubsen, Drohen oder Beschimpfen.

Mädchen mobben häufiger indirekt, zum Beispiel indem sie eine Person ausschliessen, Gerüchte über die Person verbreiten oder sie ignorieren.

Beim Cybermobbing sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern übrigens kleiner. Online mobben viele Kinder und Jugendliche auf ähnliche Art und Weise. Deshalb ist es auch so wichtig, Kinder in digitalen Räumen zu begleiten. Gerade in Gruppenchats oder auf Social Media passiert Mobbing oft unbemerkt.

Warum fällt es so vielen Eltern schwer, zu erkennen und sich einzugestehen, dass ihr Kind ein anderes mobbt?

Weil sie ein sehr positives Selbstbild ihrer Familie haben und sich denken: «So etwas würde mein Kind nie tun.» Oder: «Wir haben doch gute Werte vermittelt.» Zudem stellen sich viele unter «Mobber:innen» sehr aggressive Kinder vor. Tatsächlich sind manche Kinder, die mobben, beliebt, lustig oder sozial geschickt. Gerade deshalb bleibt Mobbing oft lange unbemerkt.

Hinzu kommt: Mobbing passiert häufig dort, wo Erwachsene es nicht sehen – zum Beispiel in den eben erwähnten Gruppenchats, auf Social Media oder durch subtile Ausgrenzung und Gerüchte.

Was ist Mobbing –
und welche Folgen hat es?

Die UNESCO definiert Mobbing als einen schädlichen, oft wiederkehrenden und systematischen Prozess. Es entsteht durch Machtungleichgewichte, soziale Normen und institutionelle Rahmenbedingungen, etwa in Schulen. Mobbing umfasst unerwünschtes Verhalten, das körperlichen, sozialen oder emotionalen Schaden verursachen kann – bei einzelnen Betroffenen ebenso wie innerhalb der gesamten Schulgemeinschaft.

Für Betroffene können die Folgen gravierend sein: Angststörungen, Depressionen, geringes Selbstwertgefühl, Einsamkeit sowie psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Viele dieser Belastungen können bis ins Erwachsenenalter nachwirken. Auch Kinder, die andere mobben, haben ein erhöhtes Risiko für spätere Probleme. Sie zeigen häufiger gewalttätiges Verhalten, haben Schwierigkeiten mit Beziehungen sowie mit Regeln und Grenzen und entwickeln öfter Suchtprobleme. Besonders belastet sind Kinder und Jugendliche, die gleichzeitig Mobbing ausüben und selbst davon betroffen sind.

Gibt es eigentlich mehr Mobbing-Opfer oder mehr Mobbing-Täter:innen?

Gute Frage. Was ich ziemlich sicher sagen kann, ist, dass es mehr Menschen gibt, die beim Mobbing mitmachen als direkt mobben. Beim Mobbing gibt es fast immer Kinder oder Jugendliche, die zuschauen, lachen oder nichts sagen. Nur: Wer zusieht und nicht eingreift, unterstützt das Mobbing unbewusst mit.

Was für ein Umfeld an der Schule befeuert Mobbing und was verhindert Mobbing?

Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang vom «Schulklima»: Wie gehen die Menschen in einer Schule miteinander um? Mobbing tritt besonders häufig dort auf, wo Regeln unklar sind, Erwachsene wegschauen, starker Konkurrenzdruck herrscht, einzelne Gruppen ausgegrenzt werden oder Diskriminierung toleriert wird. Entsprechend wirksam sind schulweite Präventionsansätze, bei denen die gesamte Schule eine gemeinsame Strategie verfolgt – etwa das finnische KiVa-Programm oder das Olweus-Programm.

Besonders problematisch ist es, wenn Erwachsene sagen: «Das regeln die Kinder selbst.» Denn Mobbing löst sich meistens nicht von allein. Was hilft, sind klare Anti-Mobbing-Regeln und Erwachsene, die eingreifen, wertschätzende Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehungen, ein starkes Gemeinschaftsgefühl und Übungen zu Empathie und Konfliktlösung sowie ein konstruktiver Umgang mit Wut, Frust und Angst.


Kinder brauchen das Gefühl:
«Ich muss andere nicht kleinmachen, um wichtig zu sein.»


Das bedeutet natürlich, dass auch Eltern zu Hause viel tun können, um Mobbing zu verhindern. Hilfreich ist ein Erziehungsstil mit Wärme, Fehlertoleranz, klaren Grenzen, Respekt, Verständnis für Gefühle und fairen Konsequenzen.

Kinder lernen Empathie vor allem durch Vorbilder. Wenn Erwachsene respektvoll miteinander umgehen, andere nicht abwerten, über Gefühle sprechen und gemeinsam Konflikte zu lösen versuchen, dann lernen Kinder das ebenfalls.

Das können Eltern tun, wenn ihr Kind mobbt

  • Ruhig bleiben, aber klar sein
    Das Kind nicht anschreien oder beschämen. Besser ist: «Ich nehme das ernst. Dieses Verhalten ist nicht okay.» Wichtig ist, zwischen dem Kind und seinem Verhalten zu unterscheiden.

  • Zuhören und Fragen stellen
    Was ist passiert? Wie oft? Wer war dabei? Wie ging es der anderen Person? Wie geht es dir selbst gerade? Wichtig ist, nicht sofort Ausreden zu suchen oder anderen die Schuld zu geben.

  • Die Situation ernst nehmen
    Sätze wie «War doch nur Spass», «Kinder sind halt so» oder «Die anderen provozieren auch» helfen nicht weiter. Sie machen Mobbing oft schlimmer.

  • Klare Konsequenzen setzen
    Faire Konsequenzen sollen helfen, das Verhalten zu ändern – nicht das Kind zu demütigen. Wichtig ist: Mobbing sofort stoppen, Verantwortung übernehmen, Wiedergutmachung ermöglichen, das betroffene Kind schützen, Empathie fördern.

  • Gruppendruck ernst nehmen
    Viele Kinder mobben aus Angst, selbst ausgeschlossen zu werden. Deshalb sollten Eltern auch auf Freund:innenkreise, Gruppenchats und Gruppendruck achten.

  • Mit der Schule zusammenarbeiten
    Mobbing lässt sich am besten stoppen, wenn Eltern, Lehrpersonen und Schulsozialarbeit zusammenarbeiten.

Mit KALEIO gegen Mobbing

Ein gutes Klassenklima ist die beste Prävention gegen Mobbing. Mit den fixfertigen Unterrichtseinheiten von KALEIO fördern Lehrpersonen spielerisch soziale und emotionale Kompetenzen und stärken den respektvollen Umgang in der Klasse – ohne zusätzlichen Aufwand oder lange Vorbereitung.

Der KALEIO-Ratgeber «Gut befreundet» greift Themen wie Freundschaft, Zugehörigkeit, Streit und Ausgrenzung auf. Kinder erfahren, was ihnen in Beziehungen guttut und wie sie fair und respektvoll miteinander umgehen.


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