M wie Mädchen – M wie Mathe!

Frauen berichten, wie sie Mädchen für die Naturwissenschaften begeistern. Ihre Tricks: Forschen in der Natur statt in der Werkstatt und Kurse nur für Mädchen. 
Eine Kampagne an der EPFL in Lausanne will Frauen in der Forschung sichtbarer machen und die nächste Generation für Naturwissenschaften und Technik begeistern.

Frauen sind in den naturwissenschaftlichen und technischen Berufen stark untervertreten. Ein Grund dafür: Mädchen und junge Frauen entscheiden sich deutlich seltener für eine Ausbildung in den sogenannten MINT-Bereichen. Das Kürzel MINT steht in den Bildungswissenschaften für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. 

Daran wollen sowohl die Hochschulen etwas ändern als auch die Wirtschaft. Denn ihnen fehlen zunehmend gut ausgebildete Fachkräfte – Männer wie auch Frauen. Doch wo ansetzen, damit sich mehr junge Frauen für eine technische oder naturwissenschaftliche Ausbildung entscheiden? Einblick in die Arbeit dreier Frauen, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen dafür einsetzen. 

Swetlana Maier, Entwicklerin von Experimentierkästen beim deutschen KOSMOS-Verlag

Pepper Mint heisst die Protagonistin – und ihr Nachname spielt bewusst darauf an, dass das Mädchen keine Scheu kennt vor naturwissenschaftlichen oder technischen Experimenten. «Pepper Mint und das Baumhaus-Abenteuer» heisst einer der neueren Experimentierkästen im Angebot des deutschen KOSMOS-Verlags. «Diesen Kasten haben wir explizit für Mädchen entworfen», sagt Swetlana Maier. Sie entwickelt zusammen mit ihrem Team die Ideen für neue Experimentierkästen, die der Verlag seit knapp 100 Jahren vertreibt.

Das Besondere an einem Experimentierkasten für Mädchen: Er muss die Eltern und Grosseltern ansprechen. «Sie müssen überzeugt werden, dass ein Experimentierkasten ein passendes Geschenk ist für Mädchen», erklärt Swetlana Maier. «Dafür brauchen sie eine Art Code.» Bei manchen Kästen signalisiert dies den Eltern oder Grosseltern die Farbe Pink. Bei Pepper Mint sei es das Mädchen als Protagonistin. Und dann helfe auch die Themenwelt, die Pepper Mint entdeckt: Im Zentrum des Experimentierkastens steht zum Beispiel ein Baumhaus, ein Forschungslabor mitten im Dschungel. «Das Thema Natur spricht viele Mädchen sehr an – eher als beispielsweise eine technische Werkstatt.» Das zeigten die Spielversuche, die das Team des KOSMOS-Verlags regelmässig mit Kindern durchführt.

Diese Spielversuche hätten auch gezeigt, dass Mädchen eine aufbauende Art des Spielens besonders mögen: So installieren sie unter Anleitung von Pepper Mint einen Flaschenzug oder eine Lichterkette, um die Forschungsstation immer besser auszustatten. 

Mit der neugierigen Naturforscherin Pepper Mint will Swetlana Maier Mädchen – sowie ihre Eltern und Grosseltern – für Experimentierkästen begeistern.

«Die Idee von Pepper Mint scheint zu funktionieren, wenn wir uns die Rückmeldungen der Eltern und Grosseltern anschauen», sagt Swetlana Maier. Der Kasten würde gern an Mädchen verschenkt. Damit ist das wichtigste Ziel des Pepper-Mint-Experimentierkastens erreicht: gezielt Mädchen ansprechen und damit ein Kundinnen-Segment, das der Verlag mit seinen technischen Experimentierkästen noch zu wenig erreicht. 

«Die Idee hinter den Experimentierkästen ist, bei Kindern möglichst früh die Neugierde für Technik und Naturwissenschaften zu wecken», sagt Swetlana Maier. «Das gelingt uns bei den Mädchen einfach noch nicht so gut wie bei den Jungen.» Aus seinen Marktanalysen weiss das Verlagsteam, dass die allermeisten technischen Experimentierkästen für Jungen gekauft werden.

Irgendwann, so hofft Swetlana Maier, würde es nicht mehr nötig sein, Experimentierkästen gezielt für Jungen oder Mädchen zu entwerfen – sondern damit beide Geschlechter gleichermassen anzusprechen. Zumindest beim Pepper-Mint-Experimentierkasten scheint das zu gelingen: «Oftmals hören wir, dass die Brüder der beschenkten Mädchen den Kasten auch gerne hätten.»

Alexandra Schwarzentruber, Mitarbeiterin Schullabor EXPERIO des Schweizer Pharmaunternehmens Roche

Alexandra Schwarzentruber nimmt sich kurzfristig an ihrem freien Tag Zeit für ein Interview – «weil mir die MINT-Themen bei den Mädchen persönlich einfach ein wichtiges Anliegen sind». Und warum genau? «Ich erlebe immer wieder, dass Mädchen meinen, Technik und Naturwissenschaften – vor allem Mathe, Informatik und technische Berufe – seien nichts für sie. Aber durch meine Erfahrung weiss ich einfach: Das ist nicht so.» 

Das Schullabor von Roche gibt es seit 2015. Primär richtet sich das Angebot an Schulklassen zwischen der 4. Primarklasse bis zur 3. Oberstufe. Vor einigen Jahren stellte Alexandra Schwarzentruber Kurse ausschliesslich für Mädchen auf die Beine. Die Kurse seien auf Anhieb gut besucht gewesen und sind seither fester Bestandteil des Programms.

Szenen aus dem Schullabor (vor Corona). Alexandra Schwarzentruber betont, wie wichtig weibliche Rollenvorbilder seien, gerade auch im Labor. 

Im Schullabor würden die Mädchen Farbstoffe chemisch analysieren, Stromkreise bauen oder durch einfache Programmieraufgaben farbige LED-Leuchten ansteuern. «Wichtig ist dabei, dass die Gruppen ausschliesslich aus Mädchen bestehen», sagt Alexandra Schwarzentruber. «Wenn Mädchen untereinander sind, trauen sie sich viel eher, etwas auszuprobieren.» Ausserdem würden diese Kurse auch immer von Frauen angeleitet. Wenn immer möglich, würden auch noch weibliche Auszubildende dazukommen und den Mädchen von ihrem Werdegang und ihrer Arbeit erzählen. Denn: «Rollenvorbilder anzubieten ist sehr wichtig», ist Alexandra Schwarzentruber überzeugt.

Das Pharmaunternehmen Roche verfolgt mit dem Schullabor das Ziel, sich möglichst den eigenen Nachwuchs zu sichern – Nachwuchs, der immer schwerer zu finden ist: Biotechnologen und Ingenieurinnen, Polymechaniker und Informatikerinnen. «Je früher die Schülerinnen und Schüler eine positive Erfahrung machen mit den Fächern, die es für diese Berufe braucht, umso besser stehen die Chancen, dass sie sich weiterhin dafür interessieren», so die Erfahrung von Alexandra Schwarzentruber. Das gelte in den MINT-Fächern für Mädchen vielleicht noch stärker als für Jungen. Ob die Roche-Kurse für Mädchen helfen können, die traditionellen Berufsrollenbilder weiter abzubauen? «Studien haben vielfach gezeigt, dass so etwas viel Zeit braucht», sagt Alexandra Schwarzentruber. «Aber langfristig hoffe ich doch sehr darauf!»

Hélène Fueger, Gleichstellungsbeauftragte der EPFL in Lausanne

50 grossformatige Bilder setzten 2019 zwei zentrale Gebäude der EPFL, der ETH-Schwesteruniversität in Lausanne, in ein neues Licht. Jedes Plakat zeigte das Porträt einer EPFL-Forscherin. Am unteren Rand stand jeweils ein Schlagwort zur Spezialisierung derForscherinnen: Photonen, Kosmos, Licht, Robotik. Die Kampagne wurde anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der EPFL lanciert. Eine Aktion, von der Hélène Fueger bis heute gern erzählt: «Wir konnten dadurch die Forscherinnen sichtbar machen – als Repräsentantinnen für die Wissenschaft an der EPFL.»

Dieses Sichtbarmachen ist Hélène Fueger ein grosses Anliegen: «Es ist ganz wichtig, dass die jungen Frauen Vorbilder bekommen. Dadurch können die Stereotypen und Rollenbilder in den Köpfen aufgebrochen werden.» Zwar liegt der Anteil an Professorinnen an den beiden technischen Hochschulen aktuell bei nur gerade 17 Prozent – aber diese Frauen dürften nicht unterschlagen werden, findet Hélène Fueger: «Wir dürfen nicht vergessen: Erfolgreiche Forscherinnen sind bereits überall tätig und liefern unverzichtbare Arbeit in der Forschung und Entwicklung.»

Hélène Fueger beobachtet, dass Fächer wie Physik und Mathematik schon im Gymnasium mit Stereotypen behaftet seien. 

ETH und EPFL sind in der Schweiz jene Hochschulen mit den meisten technischen und naturwissenschaftlichen Studienrichtungen. Entsprechend deutlich kommt hier zum Vorschein, dass die jungen Frauen unter den Studierenden untervertreten sind: Nur drei von zehn Erstsemestrigen sind Frauen – in der Physik oder Mathematik liegt der Anteil noch deutlich tiefer und nimmt nur sehr langsam zu. Einen wichtigen Grund dafür sieht Hélène Fueger darin, dass Fächer wie Physik und Mathematik schon an den Gymnasien mit Stereotypen behaftet sind: Dreimal weniger Frauen als Männer schliessen eine Matura mit Schwerpunkt Physik / Angewandte Mathematik ab – Fächer, die für viele Studienrichtungen an der ETH oder EPFL sehr wichtig sind. «So gesehen schöpfen die ETH und die EPFL ihr Potenzial gar nicht so schlecht aus», findet Hélène Fueger. Umso wichtiger sei es, dass den Schülerinnen diese Fächer bereits im Gymnasium auf attraktive Art und Weise nähergebracht würden. Die EPFL arbeitet zu diesem Zweck mit Schulen, Gymnasien und pädagogischen Hochschulen zusammen.

Vor ihrer Stelle an der EPFL setzte sich Hélène Fueger bereits an der Universität Fribourg für mehr Gleichstellung ein: Kinderkrippen aufbauen, Mentoratsprogramme für Forscherinnen entwickeln, die Quote bei der Berufung von Professorinnen erhöhen. Wie schaut sie auf mittlerweile mehr als 20 Jahre Gleichstellungsarbeit zurück? Mit einem verschmitzten Lachen sagt sie: «Wäre ich nicht grundsätzlich eine Optimistin, hätte ich diesen Job wohl nicht so lange gemacht.» Vielleicht spricht die Optimistin aus ihr, vielleicht aber auch die lange Erfahrung, wenn sie dann ergänzt: «Ganz klar, es muss noch viel passieren. Aber ich bin mir sicher: Die Zukunft gehört der Gleichstellung und der Chancengerechtigkeit.»


Cathrin Caprez ist Wissenschaftsjournalistin bei Radio SRF und schreibt regelmässig für die Zeitung WoZ. Vor ihrer Karriere als Journalistin hat die studierte Chemikerin fünf Jahre für das Labor für Gewässerüberwachung des Kanton St. Gallen gearbeitet. 

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