Collage Titelbild © Anna Lach-Serediuk
Plötzlich ausgegrenzt, einfach ignoriert: Das schmerzt. Wie können wir unseren Töchtern in dieser Situation helfen? Wir geben euch Tipps, um entspannt(er) durch diese Zeit zu kommen.
Ausgrenzung beginnt oft schon im Grundschulalter – auf dem Pausenhof, wo Freundschaften entstehen und ebenso schnell zerbrechen. Eben noch gemeinsam gelacht, im nächsten Moment allein gelassen: Tränen, Ängste und tiefe Traurigkeit ersetzen die Unbeschwertheit.
Die Gründe sind für uns Erwachsene manchmal schier unergründlich oder oberflächlich: an falscher Stelle gelacht, die falschen Klamotten getragen, das falsche Hobby, ein falsches Wort, der falsche Wohnort, zu selbstbewusst, zu schüchtern, zu „gut“ oder „schlecht“ in der Schule, zu schnell traurig, beleidigt oder „eingeschnappt“ – manchmal ist es Neid, manchmal Unsicherheit(en), manchmal zu unterschiedliche Lebenswelten oder eine familiäre Lebenssituation, mit der die anderen so gar nichts anfangen können. Anstatt „aufzufangen“, wird ausgegrenzt.
Und das trifft nicht nur unsere Töchter, sondern meistens auch uns Eltern knallhart.
Doro: Liebe Judith, habe nur ich den Eindruck oder teilst du den auch: Beim Thema Freundschaft geht es heute früher zur Sache als bei uns in der Jugend. Bei den Mädchen gibt es oft eine Anführerin, manchmal schon in der Grundschule. Und die anderen spielen nach ihren Regeln oder eben nicht. Wenn nicht, wird in manchen Fällen geredet, oft entwickelt sich aber auch eine ungesunde Dynamik, bei der ein Kind ausgeschlossen wird.
Judith: Nein, du täuschst dich nicht, ich beobachte das ganz ähnlich. Dynamiken wie Macht, Zugehörigkeit und auch Ausgrenzung entstehen heute oft sehr früh. Gerade in Mädchengruppen gibt es nicht selten klare Hierarchien, und Kinder spüren sehr schnell, wo ihr Platz ist – oder eben auch, wenn sie anfangen, diesen zu verlieren, bzw. ausgeschlossen werden. Das kann für ein Kind unglaublich belastend sein.
Was können wir als Eltern tun, wenn das Kind leidet?
Zuerst einmal: da sein und ernst nehmen. Nicht vorschnell relativieren und gut gemeinte Sätze raushauen wie „Das ist doch nicht so schlimm!“, sondern wirklich zuhören und die Gefühle spiegeln. Kinder brauchen das Gefühl „Ich werde gesehen, ich bin nicht allein“. Gleichzeitig können wir helfen, die Situation einzuordnen: Was genau ist passiert? Welche Rolle hat mein Kind? Welche Handlungsspielräume gibt es?
Wichtig ist auch, das Kind zu stärken. Natürlich nicht nur in dieser konkreten Situation, sondern grundsätzlich. Also: Selbstwert, soziale Kompetenzen, auch das Gefühl, Grenzen setzen zu dürfen.
In welchen Fällen hältst du Gespräche mit anderen Eltern für sinnvoll, um von außen die Wogen zu glätten? Und wenn: in welchem Alter und in welchem Maße?
Gespräche mit anderen Eltern können sinnvoll sein, aber immer mit Fingerspitzengefühl, um die Situation für das eigene Kind nicht zu verschärfen. Ich würde das vor allem im Grundschulalter in Betracht ziehen, wenn die Kinder noch stärker begleitet werden und Konflikte oft noch nicht allein lösen können. Wichtig ist dabei die Haltung: nicht anklagend, sondern unterstützend. Wir können die anderen Eltern zum Beispiel fragen: „Wie können wir gemeinsam schauen, dass es für die Kinder wieder gut wird?“
Je älter die Kinder werden, desto zurückhaltender wäre ich. Ab einem gewissen Alter (spätestens ab der weiterführenden Schule) sollten wir eher im Hintergrund bleiben und unsere Kinder darin unterstützen, ihre Konflikte selbst zu klären – es sei denn, es geht wirklich um anhaltende Ausgrenzung oder Mobbing. Dann braucht es nicht nur elterliche Unterstützung, sondern professionelle. Mobbing ist niemals nur das Problem eines einzelnen Kindes, sondern ein strukturelles.
Wann würdest du deinen Kindern dazu raten, sich neue Freund:innen zu suchen? Bis wann sagst du: „Bitte kläre es“, und ab wann ist für dich Schluss?
Ich finde, es ist wichtig, Kindern bis zu einem gewissen Punkt zuzutrauen, dass sie Konflikte klären können. Eltern sollten sicherlich nicht bei jeder Meinungsverschiedenheit, bei jedem Streit eingreifen. Denn Freundschaft bedeutet auch, Reibung auszuhalten, Missverständnisse anzusprechen und Lösungen zu finden.
Aber: Wenn ein Kind dauerhaft leidet, sich klein macht, immer wieder ausgeschlossen wird oder Angst vor der Gruppe entwickelt, dann ist für mich ein Punkt erreicht, an dem ich klar sage: „Du darfst dir auch andere Menschen suchen, die dir guttun!“ Freundschaft ist kein Ort, an dem man sich ständig beweisen oder anpassen muss.
Was macht für dich eine echte und „gute“ Freundschaft aus, bei der alle glücklich sind?
Für mich ist es eine Verbindung, in der ein Kind so sein darf, wie es ist, ohne Angst vor Ablehnung. Wo es gegenseitigen Respekt gibt, ein echtes Interesse am anderen und auch die Fähigkeit, Konflikte zu überstehen, ohne dass gleich alles infrage steht. Kurz gesagt: Eine gute Freundschaft fühlt sich nicht wie ein Kampf um Zugehörigkeit an, sondern wie ein sicherer Ort.
Zum Schluss raten wir euch, wenn eure Kinder leiden und gemobbt werden: Sprecht die Dinge direkt für eure Töchter an – mit den jeweiligen Eltern. Und hier geht es nicht darum, ihnen zu erzählen, wie „böse“ ihr Kind ist, sondern darum, einen gemeinsamen Weg zu finden, um die Freundschaft eventuell gemeinsam zu stärken. Ein nächster Schritt wäre aus unserer Sicht ein Gespräch mit den Lehrkräften. Denn die können in der Schulzeit ein Auge auf die Situation haben. Oft ist das auch ein Thema für den Klassenrat oder für die Schulsozialarbeiter:innen. Falls euer Kind Ängste oder andere Symptome entwickelt: Scheut nicht den Gang zur Kinderärztin, um darüber zu sprechen, oder sucht euch therapeutische Unterstützung. Bei Bedrohung, Erpressung oder psychischer und körperlicher Gewalt: Geht zur Polizei und erstattet Anzeige. Denn Mobbing kann einen Menschen für ein Leben prägen. U.a. hier findet ihr Hilfe:
147.ch von Pro Juventute: Notrufnummer für Kinder und Jugendliche, Schweiz
Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon, Online-Beratung und Elterntelefon , Deutschland
Juuuport: Hilfe bei Cybermobbing und anderen Problemen im Netz, Deutschland
Disclaimer: Dieser Artikel beinhaltet weder psychologischen noch pädagogischen Rat.




