«Intimsphäre hat mit dem Körper zu tun, ein Geheimnis ist eher im Herzen angesiedelt»

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Wenn Kinder schweigen, dann ist die Verunsicherung bei den Eltern oft gross. Wie finden sie einen Mittelweg zwischen Verhör und Respekt der Intimsphäre? Psychologin Mina Hanifi klärt auf.
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Wenn Kinder schweigen, dann ist die Verunsicherung bei den Eltern oftmals gross. Denn was ist die richtige Haltung, um die Privatsphäre der Kinder nicht zu verletzen und dennoch dem Schweigen auf den Grund zu gehen? Bei diesem Thema schwingt auch die große Frage nach der Identität der Teenagerinnen mit. Welche Rolle sollen Eltern einnehmen? Wie finden sie einen Mittelweg zwischen Verhör und Respekt der Intimsphäre? Mina Hanifi, Mitglied der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen und Doktorin der Psychologie an der Universität Lausanne, erklärt die Sachlage.

Kaleio: Ein Kind, das plötzlich Bauchschmerzen hat, wenn es morgens zur Schule soll, kann in allen Familien vorkommen. Wie können Eltern in dieser Situation, jenseits von Gereiztheit und/oder Befürchtungen, reagieren? Welchen Rat geben Sie ihnen?

Mina Hanifi : Zuerst müssen die Eltern sicher sein, dass das Kind nicht wirklich physisch krank ist. Wenn das geklärt ist, wäre es wichtig, sich die Frage zu stellen, was sich hinter diesem Symptom verbirgt. Tatsächlich sind Bauchschmerzen ein anerkanntes Anzeichen von Angst und können Ausdruck eines seelischen Unwohlseins sein. Durch dieses Symptom lenkt das Kind die Aufmerksamkeit der Eltern auf sein Leiden und bringt sie dazu, aktiv zu werden und eine Lösung für sein Problem zu finden.

Wenn das Kind nicht über seine Geheimnisse sprechen will oder kann, wie soll man dann reagieren?

Es ist nicht immer einfach, zwischen schüchternen Offenbarungen, die der Ermutigung bedürfen, und Geheimnissen, die es zu respektieren gilt, zu unterscheiden. Bei allem Interesse für das Kind muss man aufpassen, dass man sich nicht aufdrängt, denn das Recht, Geheimnisse haben zu dürfen, ist wichtig für den Aufbau seiner Identität. Außerdem ist Kindern der Grund für ihr Unwohlsein nicht immer bewusst. Wenn es sein Geheimnis nicht mitteilen will oder kann und wenn die Eltern Anzeichen beobachten wie z. B. ein Widerstreben, zur Schule zu gehen, Bauchschmerzen und andere somatische Symptome, Schlaf- oder Essstörungen, empfehlen wir, sich professionelle Hilfe bei einer Psychologin oder Kinder- und Jugendpsychiaterin zu holen.

«Das Wichtigste ist wirklich, ein Vertrauensfeld aufzubauen, ganz egal, was darin zur Sprache kommt.»

Welche Mittel und Wege haben Eltern, um eine möglichst gute Kommunikation mit ihrem Kind aufzubauen?

Gespräche zwischen Eltern und Kind sind immer hilfreich, unabhängig davon, was das Kind antwortet und wie gut es sich einbringen kann. Selbst wenn das Kind nicht über seine Geheimnisse spricht, gibt ihm die Gegenwart seiner Eltern sowie die Möglichkeit, sich ihnen anzuvertrauen, ein Gefühl der Sicherheit. Außerdem muss dem Kind, das sich den Eltern anvertraut, glaubhaft vermittelt werden, dass die Tatsache, ob es sein Geheimnis preisgibt oder nicht, weder eine Verurteilung vonseiten der Eltern noch einen Liebesverlust nach sich zieht. Das Wichtigste ist wirklich, ein Vertrauensfeld aufzubauen, ganz egal, was darin zur Sprache kommt. Darüber hinaus müssen Eltern versuchen, die ihnen unverständlichen Seiten ihres Kindes zu akzeptieren.

Sie sagen, man muss zwischen Intimsphäre und Geheimnis unterscheiden. Warum?

Die Intimsphäre ist in erster Linie mit körperlichen Erfahrungen verknüpft, die bei einer normalen Entwicklung affektive Beziehungen beinhalten und somit tiefgreifende, besondere Verbindungen zu anderen Personen. Das Geheimnis hingegen betrifft eine Sache, die verborgen werden muss. Zusammenfassend kann man sagen, die Intimsphäre hat mit dem Körper zu tun, und das Geheimnis verbirgt etwas, das sich im Herzen befindet.

Mina Hanifi, Mitglied der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) und Doktorin der Psychologie an der Universität Lausanne

Im Teenageralter spielt die Identitätsfindung noch eine viel wichtigere Rolle. Birgt diese die Gefahr, die Eltern-Kind-Beziehung zu verändern oder zu beeinträchtigen? Wie soll man reagieren und wie kann man sein Kind in dieser Phase begleiten?

Dass sich im Jugendalter die Eltern-Kind-Beziehung verändert, ist bekannt. Die oder der Jugendliche ist kein Kind mehr und benötigt mehr privaten Raum, um ihre oder seine Identität aufzubauen. Trotzdem darf sie oder er sich von den Eltern nicht alleingelassen fühlen. Dieses Abstandhalten ist notwendig für das Selbständigwerden, aber das bedeutet nicht, dass die oder der Jugendliche das Vertrauen in die Eltern verliert. Die Herausforderung besteht darin, das richtige Mass an Abstand zu finden, diesen Prozess durchläuft jedes Eltern-Kind-Verhältnis. Das Teenageralter ist eine Phase voller Widersprüche: Einerseits brauchen die Jugendlichen Unterstützung und Halt von ihrer Umgebung, setzen aber andererseits alles daran, diesen Halt in sich selbst zu finden.

Früher sprach man von Adoleszenz-«Krise», während man heute eher von dem «Prozess» des Heranwachsens spricht. Warum ist dieser Unterschied wichtig?

Der Ausdruck «Krise» bezeichnet die mehr oder weniger lautstarken Meinungsäußerungen oder Verhaltensauffälligkeiten, die in diesem Alter häufig auftreten. Lange Zeit betrachtete man die Adoleszenz ausschließlich als Krisenzeit, dabei kann man sie nicht einfach nur auf diese Spannungen reduzieren, vielmehr stellt sie einen regelrechten «Prozess» dar, der an der Entwicklung der künftigen Erwachsenen beteiligt ist. Der Begriff «Prozess» enthält genau diesen Entwicklungsaspekt und schließt gleichzeitig den zeitlichen Aspekt mit ein: Die Adoleszenz entspricht einer klar umrissenen und massgebenden Entwicklungsphase und führt zu einer potenziellen Vervollständigung der Psyche.

«Die Herausforderung besteht darin, das richtige Mass an Abstand zu finden.»

In den sozialen Netzwerken neigen Jugendliche dazu, nicht mehr so sehr auf die Trennung von Öffentlichem und Privatem zu achten. Wie können wir sie im Umgang mit diesen Technologien unterstützen?

Es ist wichtig, dass Eltern ihre Kinder über die sozialen Netzwerke aufklären und ihnen die Vorteile und Gefahren klar vor Augen führen. Es liegt vor allem in der Verantwortung der Eltern, Regeln zur Benutzung des Internets und ganz allgemein zu Medienkonsum und Bildschirmzeit festzulegen und ihren Kindern zu erklären, was die unkontrollierbare Verbreitung privater oder intimer Inhalte nach sich zieht. Es wäre auch gut, das Kind über die verschiedenen Intimitätszonen aufzuklären, also welches Maß an Intimität für Bekanntschaften, Familienangehörige, Freundinnen und Freunde usw. als angemessen empfunden wird, damit das Kind für sich festlegen kann, welche Inhalte es mit welchen Personen bzw. in welcher Zone teilen möchte. 

Die sozialen Netzwerke sind wirklich ein weites Feld und müssten eigentlich Gegenstand einer gesonderten Diskussion sein. Aber um es kurz zu machen: Die Technologie ist integraler Bestandteil unserer Wirklichkeit, wir können ihre Existenz nicht ignorieren. Die sozialen Netzwerke stellen einen neuen Interaktionsraum dar. Nehmen wir zum Beispiel die aktuelle Situation aufgrund der Ausbreitung von Covid-19: Die sozialen Netzwerke ermöglichen jeder und jedem von uns, sich regelmässig mit anderen Personen auszutauschen und damit ein Stück weit den Mangel an Sozialkontakten zu kompensieren. Wenn aber im Gegenzug Jugendliche oder Erwachsene viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen und die echte Realität der virtuellen opfern, oder wenn die Zeit, die sie am Computer sitzen, zulasten der schulischen oder beruflichen Leistung geht, dann läuten die Alarmglocken. Und vergessen wir nicht, dass ein exzessives Abtauchen in virtuelle Welten als Symptom erachtet werden muss, hinter dem sich ein komplexes Krankheitsbild verbergen kann.


Nach ihrem Abschluss in klinischer Psychologie in Teheran hat Mina Hanifi ihren Master in klinischer Psychopathologie und Anthropologie an der Universität Lausanne gemacht. Unter der Leitung von Professor Roman promovierte sie in Psychologie und arbeitet derzeit an einem Post-Doc-Projekt an der Universität Lausanne. Außerdem ist sie als Psychologin und Psychotherapeutin für Privatpatient*innen tätig. 

Nach einem Master in Englischer Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Dramaturgie arbeitet Noémie Desarzens heute als Journalistin für den regionalen Fernsehsender Télé Vaud-Fribourg.

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